Kampfes Lust


Ein frühes Bild von Jeff, aufgenommen am 9. Juli 1988 in München


Jeff the ref ist tot

Einer der Menschen, die erheblich das Bild von Kämpfen verschiedener Veranstalter geprägt haben, ist gestorben: „Jeff the ref“, nämlich der Mattenrichter Geoffrey Long. Wer ihn gekannt hat, den wird diese Nachricht, die uns in Deutschland Ende April 2015 erreicht hat, mit tiefer Trauer erfüllen.

Jeff der Referee (Matten- oder Ringrichter) war eine unverwechselbare Persönlichkeit. Er vermittelte wie wohl kein anderer zwischen den Ringerinnen und dem jeweiligen Veranstalter, wußte mit dem Kameramann zu kooperieren und trat in den Hintergrund, wenn der Veranstalter es wünschte. Für das Publikum war er ein sympatischer, freundlicher, geselliger Partner. Immer hat er sich bei seinen Ansagen ein wenig verhaspelt – das war häufig Kabarett. Dabei war sein Deutsch hervorragend.

Ich lernte ihn Ende der achtziger Jahre bei BEKA in München kennen. Die Engländer, der Mattenrichter und der Kameramann, waren wohl die ersten, mit denen sich Herr Klinger überwarf. Er ließ sie aus Zorn über eine Veröffentlichung in „Amazons in Action“ nicht mehr bei seinen Veranstaltungen zu. Eine tragende Rolle spielte Jeff dann jahrelang bei DWW. Auf unzähligen DWW-Filmen kann man ihn sehen.

Viel wußten wir nicht über ihn. Er stand ursprünglich in London auf der Matte. In Deutschland, in Wien oder in Ungarn war er stets zur Stelle, wenn man ihn benötigte. Wir mochten ihn einfach, diesen kleinen intelligenten und humorvollen Mann. Ich erinnere mich, daß er sich bei einer sehr hoch gewachsenen Ringerin am Ende des Kampfes absichtlich auf die Zehenspitzen stellte, um den Arm der Siegerin in die Höhe zu recken.

Einmal war ich außerhalb der Ringkampfszene mit ihm zusammen. Als ich einmal in London war, lud er mich ein, mit ihm ein Konzert zu besuchen, an dem er organisatorisch beteiligt war. Wenn ich mich recht erinnere, war er Konzertjournalist. Seine berufliche Tätigkeit erlaubte es ihm jedenfalls, Veranstaltungstermine unserer Szene wahrzunehmen.

Jeff hat uns viel zu früh verlassen. Wir danken ihm für alles, was er für uns getan hat. Die Begegnungen mit ihm werden immer in unserer Erinnerung bleiben.

W. S.


Quo vadis 2015?

Im Jahr 2014 habe ich an keiner Veranstaltung mehr teilgenommen; meine Kontakte sind dünn geworden. Daher möchte ich auf weitere Lageberichte zur Jahreswende verzichten. Zudem bin ich überzeugt davon, daß diejenigen, die Kontakt suchen, ihre Anlaufadresse längst gefunden haben.

Insbesondere Neueinsteigern steht nach wie vor mein Buch "Kampfes Lust" zur Verfügung. Es ist weiterhin das Standardwerk auf diesem Gebiet. Zwar ist es bereits 2002 erschienen, aber die Veränderungen seither - Angebote an Videofilmen und Veranstaltungen - sind nicht so relevant, daß der 662 Seiten starke Band unaktuell geworden wäre.

Das war der Text, den ich diesmal vorgesehen hatte. Danach erst habe ich die "emotionalen und detaillierten Abschiedsworte von G. R. - gewidmet allen treuen, ehrlichen und alten Fans von DWW, die hoffentlich noch leben" gelesen. Darüber kann niemand hinweggehen, erst recht nicht, wenn er immer auch die Geschichte des  Frauenringkampfes, insbesondere des privaten, im Blick hat.

Ich bitte meine Leser, dieses Abschiedswort zu lesen (www.dww.at/dww/information/about_EmotionalG.asp); es wird, hoffe ich, sie nicht unberührt lassen. 

Das Folgende ist in wenigen Worten meine erste, spontane Reaktion. Wer die Entwicklung von DWW von Anfang an miterlebt hat,  kann vielleicht meinen kurzen Kommentar nachvollziehen.

Ich kann verstehen, daß sich G. R. nun zurückziehen möchte. Ich könnte nicht verstehen, wenn sein Selbstgefühl darunter leiden würde. Denn ich erblicke in G. R. (Günter Rottensteiner) denjenigen Menschen, der unsere Szene auf lautere Weise am intensivsten gefördert hat. Er hat Anlaß, zufrieden auf seine etwa 25jährige Aktivität zurückzublicken. Wir haben Anlaß, ihm dankbar zu sein, daß er viele unserer Phantasien in Erlebnisse umgesetzt hat. G. R. hat in der Geschichte des Frauenringkampfes als Ideengeber, Organisator, Produzent und  Film-Anbieter einen Spitzenplatz erworben.

W. S. 

Preis herabgesetzt

Seit dem 1. September 2015 ist der Preis von "Kampfes Lust" auf 38,00 € herabgesetzt. Dazu gerechnet werden muß das Paketporto. 

Quo vadis 2014?

Die Situation läßt sich nach meiner Ansicht so kennzeichnen: Wir haben eine Phase unaufgeregter, stabilisierter Existenz erreicht. Das bedeutet aber auch: Wir können wohl auf keine besonderen Glanzpunkte zurückblicken. 

Undankbar sollten wir jedoch nicht sein. Wer einen längeren Zeitraum überblickt, dem erschließen sich sofort die positiven Veränderungen. Was möglich ist, hat uns DWW mit seinen Inszenierungen gezeigt. Leider sind diese Festivals nun Geschichte. Doch DWW ist - bei aller Kritik im letzten Jahresrückblick - nach wie vor ein starker,  wenn nicht der stärkste Motor der Szene. Dieser Gedanke kam mir, als ich auf der DWW-Website "Tribgirls" die Begriffserklärungen des Tribadismus las. Das ist einfach hervorragend - exakt in der Analyse, anregend in der Beschreibung. Wir finden hier, was manche von uns immer gewünscht haben, die intellektuelle  Reflexion über Aspekte unserer Leidenschaft. Nur so übrigens, über Offenheit und die  ernsthafte Auseinandersetzung, werden wir Außenstehende über uns informieren, für uns interessieren und zum Akzeptieren bringen können. 

Ein weiterer Vorzug von "G. R. ", dem DWW-Gründer und -Inhaber, ist seine Integrationsfähigkeit. An deren Mangel ist, so sehe ich das, die Firma LGIS/BEKA, der deutsche Gründervater quasi öffentlicher Privatkämpfe, gescheitert. Sein Erbe sind nur noch ein paar Video-Filme, die von anderen angeboten werden, und die Erinnerung. G. R. hingegen hat gegen Wettbewerber weder intrigiert noch prozessiert noch sich abgekapselt, sondern sich offen für Zusammenarbeit gezeigt. Das jüngste Beispiel ist die Kooperation mit fantasyveil, einer deutschen Firma, die seit 2005 spezielle Fetisch-Bedürfnisse abdeckt. DWW  weist auf www.fantasyveil.com hin und umgekehrt dieser Anbieter auf DWW. 

Wenn man so will, sind auch die Wettbewerber foxycombat und fighting dolls indirekt dem Unternehmen DWW zu verdanken. Hana und Marek, die beiden Assistenten von DWW, haben sich mit foxycombat und fighting dolls erfolgreich selbständig gemacht und, beide in Brünn, ihr eigenes Profil gefunden. Die Website von Hana besticht durch Ästhetik; die Aufnahmen, die man hier zu sehen bekommt, sind auf diesem Gebiet einzigartig. Fighting dolls zieht jedes Jahr zweimal eine  Anzahl Zuschauer zu seinen dreitägigen Veranstaltungen; ein Tag ist Mixed-Kämpfen gewidmet. Diese Gelegenheit ist, wie sich schon bei DWW gezeigt hat, für viele ein Grund, eine Veranstaltung zu besuchen. 

Ich weiß, daß ich in dieser Betrachtung einen Veranstalter vernachlässige, nämlich Cyprus von femwrestle. Das hat seinen einzigen Grund darin, daß ich noch keine Veranstaltung von ihm besucht habe. Die sportlichen Leistungen dort werden gelobt. Aber es ist in unserer Szene häufig so, daß persönliche Präferenzen die letzte Entscheidung für den Besuch einer bestimmten Veranstaltung bestimmen. Immerhin ist hier die einzige Gelegenheit, an einer Life-Veranstaltung in Deutschland teilzunehmen.

Die Aktivitäten in Deutschland und in Tschechien sind sicher ein Grund, weshalb der Einfluß angloamerikanischer Veranstalter auf die deutsche Szene offensichtich zurückgegangen ist.

Die Szene insgesamt ist unpersönlicher geworden, mit Sicherheit an Volumen aber nicht geringer. 

W. S.


Unseren Verächtern

Kann man nicht die zweitschönste Sache der Welt, den Sport, mit der schönsten verbinden? Nicht wenige Sportarten sind erotisch. Für eine Gruppe von Menschen ist der Ringkampf erregend, und zwar, so es sich um heterosexuelle Männer handelt, der von Frauen, Schwule hingegen können sich mit Ringern identifizieren oder ringen selbst miteinander.  Schon Sigmund Freud hatte erkannt: "Tatsache ist aber, daß eine Reihe von Personen berichten, sie hätten die ersten Zeichen der Erregtheit an ihren Genitalien während des Raufens oder Ringens mit ihren Gespielen erlebt." Die "infantile Verknüpfung zwischen Raufen und sexueller Erregung" wird von manchen, wie so vieles, ins Erwachsenenleben hineingenommen.  

Es gibt keinen Zweifel: Für viele Menschen, meistens in der Rolle von Zuschauern,  ist Kampf  mit Lust verbunden, selbst oder gerade der aggressive. Die Renaissance des Boxens in den Medien kündet beredt davon. Während Frauenboxen längst akzeptiert ist,   glauben Menschen, die Lust empfinden, wenn sie ringenden Frauen zuschauen, sich verstecken zu müssen. Gewiß, diese Neigung galt jahrzehntelang als pervers, zumal wenn die Ringerinnen fast unbekleidet sind. Das dürfen sie nach gegenwärtiger  Anschauung nur dann, wenn sie am Strand liegen. Frauen werden ausgebeutet, wenn sie für ihre Ringkämpfe Geld bekommen, lautet ein anderes Vorurteil. Die Erfahrung lehrt: Das Honorar gibt allenfalls nur den Anstoß. Es überwiegt die sportliche Herausforderung oder - die Lust. Die Ringkampfszene, die sich außerhalb der Kraftsportvereine gebildet hat, ist äußerst facettenreich.

Man könnte ein Buch darüber schreiben. Es ist geschrieben, das einzige. Diese Seite verfolgt den Zweck, es bekannter zu machen. Zugleich soll sowohl mit der  Website als auch mit dem  Buch  eine bessere  Akzeptanz dieser für Außenstehende merkwürdig erscheinenden Szene erreicht werden. Es ist grotesk, daß andere Triebneigungen wie der Sadomasochismus gesellschaftlich toleriert sind, der als lustvoll empfundene Ringkampf nach vereinfachten Regeln jedoch  nicht. Vielfach liegt es heute an den Angehörigen der Szene selbst. Sie trauen sich nicht aus dem Versteck. Öffentliche Zirkel wie der Rauftreff in München oder am Rhein sind die Ausnahme.

Diese Seite soll ermutigen, sich zu seiner Neigung zu bekennen; sie soll andere einladen, sich seriös zu informieren. Das Buch "Kampfes Lust" will einen Beitrag dazu leisten.

Abbildung: Französische Postkarte von Anfang des 20. Jahrhunderts, Sammlung Sonntag