Quo vadis 2012?
Möglich, daß der Blick ins Jahr 2011 – vor einem Jahr also – eine melancholische Tendenz gehabt hat. Anlässe dazu gab es. Grundsätzlich vertrete ich jedoch die Meinung, daß sich diese Szene stetig aus sich selbst heraus erneuert. Wir müssen zwar immer wieder Abschied vom Gewohnten nehmen, aber es regen sich auf die Dauer auch immer neue Initiativen. Davon ist diesmal zu berichten. Der Blick aufs Jahr 2012 fällt erfreulicher aus.
Ich konnte Zeuge einer neuen Entwicklung sein. Als ich aufgefordert wurde, im Oktober 2011 nach Brünn zu reisen, hatte ich mir nichts dabei gedacht. Die Aufforderung kam von einem Freund der Szene. Da ich gemeint hatte, es werde höchste Zeit, wieder einmal eine Mattenveranstaltung zu besuchen, fuhr ich hin. Sieben Stunden Autofahrt sind zwar keine Kleinigkeit, aber der Flug nach Prag oder Wien und weiter mit Bahn oder Bus nach Brünn sind einschließlich der Warte- und Umsteigezeiten auch nicht viel kürzer. Da die Autobahn bis Brünn ausgebaut ist und eine Grenzkontrolle nicht mehr stattfindet, war die Fahrt erträglich.
In Brünn stellte sich die neue Situation dar: Marek, seit 1994 Mitarbeiter von G. R., hat den Weg in die Selbständigkeit angetreten. In den letzten Jahren bereits hat er die Brünner Veranstaltung für DWW organisiert, am 21. und 22. Oktober 2011 tat er es ohne DWW. Er bringt die Kämpfe jener beiden Tage auf eigene Rechnung und Gefahr auf den Markt. Der Name „Fighting dolls“ ruft jedoch unpassende Assoziationen hervor; es sind eben keine Püppchen, die da auf die Matte gehen; es sind Amazonen. Eine Website ist inzwischen eingerichtet, wenngleich sie außer einer stattlichen Anzahl von Akteurinnen zur Enttäuschung der Interessenten noch keine Informationen enthielt.
Was immer jedoch aus seiner Absicht wird, – sein Vorhaben zeigt, daß die Szene lebt. Die nächste Veranstaltung in Brünn wird bereits geplant. Man mag es kritisch betrachten, daß nun wieder eine Spaltung passiert. Aber so ist das Leben, so ist die Wirtschaft. G. R. hat kein Alleinvertretungsrecht. Da G. R. weiß, was er wert ist, wird er eine solche Ablösung akzeptieren können. Seine riesige Erfahrung wird ihn seinen Weg finden und gehen lassen.
Auch in Deutschland tut sich wieder etwas. Für den Februar ist in der Kölner Region ein Event geplant, veranstaltet von femwrestle. Der Kreis der Akteurinnen ist zwar nicht so groß wie in Brünn, aber die Liste verzeichnet bekannte Kämpferinnen.
Quo vadis 2012? Wie geht es weiter? Ich meine, es besteht Anlaß zur Zuversicht. Das Bedürfnis ist, wie wir wissen, ungebrochen da. Es werden sich immer wieder Menschen finden, die dieses Bedürfnis abdecken, auch wenn es manchmal, wie in den letzten Jahren, lange dauert. In den Vordergrund hat sich das Mixed-Ringen geschoben – so sehr, daß der Eindruck entstehen könnte, Mixed bilde die eigentliche Kampfszene. Dem ist jedoch nicht so. Vielmehr scheint es, daß die Nachfrage dem Angebot der Ringerinnen entgegenkommt. Weit mehr Kämpferinnen als früher sind heute bereit, mit Männern auf die Matte zu gehen (und sich dafür honorieren zu lassen). Das scheint mir ein Zeichen für einen viel offener gewordenen Umgang mit unserer Neigung zu sein.
W. S.

Kann man nicht die zweitschönste Sache der Welt, den Sport, mit der schönsten verbinden? Nicht wenige Sportarten sind erotisch. Für eine Gruppe von Menschen ist der Ringkampf erregend, und zwar, so es sich um heterosexuelle Männer handelt, der von Frauen, Schwule hingegen können sich mit Ringern identifizieren oder ringen selbst miteinander. Schon Sigmund Freud hatte erkannt: "Tatsache ist aber, daß eine Reihe von Personen berichten, sie hätten die ersten Zeichen der Erregtheit an ihren Genitalien während des Raufens oder Ringens mit ihren Gespielen erlebt." Die "infantile Verknüpfung zwischen Raufen und sexueller Erregung" wird von manchen, wie so vieles, ins Erwachsenenleben hineingenommen.
Es gibt keinen Zweifel: Für viele Menschen, meistens in der Rolle von Zuschauern, ist Kampf mit Lust verbunden, selbst oder gerade der aggressive. Die Renaissance des Boxens in den Medien kündet beredt davon. Während Frauenboxen längst akzeptiert ist, glauben Menschen, die Lust empfinden, wenn sie ringenden Frauen zuschauen, sich verstecken zu müssen. Gewiß, diese Neigung galt jahrzehntelang als pervers, zumal wenn die Ringerinnen fast unbekleidet sind. Das dürfen sie nach gegenwärtiger Anschauung nur dann, wenn sie am Strand liegen. Frauen werden ausgebeutet, wenn sie für ihre Ringkämpfe Geld bekommen, lautet ein anderes Vorurteil. Die Erfahrung lehrt: Das Honorar gibt allenfalls nur den Anstoß. Es überwiegt die sportliche Herausforderung oder - die Lust. Die Ringkampfszene, die sich außerhalb der Kraftsportvereine gebildet hat, ist äußerst facettenreich.
Man könnte ein Buch darüber schreiben. Es ist geschrieben, das einzige. Diese Seite verfolgt den Zweck, es bekannter zu machen. Zugleich soll sowohl mit der Website als auch mit dem Buch eine bessere Akzeptanz dieser für Außenstehende merkwürdig erscheinenden Szene erreicht werden. Es ist grotesk, daß andere Triebneigungen wie der Sadomasochismus gesellschaftlich toleriert sind, der als lustvoll empfundene Ringkampf nach vereinfachten Regeln jedoch nicht. Vielfach liegt es heute an den Angehörigen der Szene selbst. Sie trauen sich nicht aus dem Versteck. Öffentliche Zirkel wie der Rauftreff in München oder am Rhein sind die Ausnahme.
Diese Seite soll ermutigen, sich zu seiner Neigung zu bekennen; sie soll andere einladen, sich seriös zu informieren. Das Buch "Kampfes Lust" will einen Beitrag dazu leisten.
Abbildung: Französische Postkarte von Anfang des 20. Jahrhunderts, Sammlung Sonntag