Kampfes Lust


Ein Lesebuch für Fans: Catfight!


In einer Szene, die von Phantasien lebt, ist an Fantasy stories kein Mangel. Schon E. F. Cherrytree, dessen Aufschrei "Hello out there!" in "Evergreen Review" 1967 als Literatur erkannt worden ist (enthalten in "Acid. Neue amerikanische Szene"), konnte damals nicht umhin, sein Bekenntnis mit einer Catfight-Story, "Laura und Marie", zu verbinden. 1988 erschienen sieben illustrierte Stories von Ajax, der sich als Schriftsteller der Szene profiliert hatte; die Auflage des Bandes, der mit Schreibmaschinenschrift eher Manuskript-Charakter hatte, betrug 1000 Exemplare, die, englischsprachig, immerhin verkauft sind. 1995 brachte ein Züricher Verlag einen Roman der Szene, "Die Boxerin" von Doris Masius, heraus. Eine nur im Manuskript verbreitete Veröffentlichung von Gedichten, "Ringinschriften" von Neidhard Schuler, hat über die "Amazone" hinaus wohl kaum das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Das Medium unserer Zeit, das Internet, hat unsere Phantasien ans Licht gebracht: Einschlägige Seiten im Internet enthalten häufig einen Teil mit Fantasy stories. Das Webmuster (und auch Websitemuster) ist allemal gleich. Die Autoren konstruieren ziemlich oberflächlich eine meistens unwahrscheinliche Handlung, die von vornherein auf Kampf zwischen Frauen angelegt ist, und dann wird sehr genau dieser Kampf beschrieben und mit den persönlichen Vorlieben des jeweiligen Autors garniert. Für die "Amazone" habe ich immer wieder solche Geschichten zugesandt bekommen, manchmal anonym, manchmal auch solche, die als Tatsachenbericht ausgegeben wurden. "Amazons in Action" hat aus gutem Grund auf den Abdruck solcher Fantasy stories generell verzichtet.
Diese Vorbemerkung scheint notwendig, damit ein Buch mit dem Titel "Catfight!" davor bewahrt bleibt, in die falsche Schublade gelegt und damit abgelegt zu werden. Das "Lesebuch für Fans" enthält 50 "Fantasie stories". Aber es sind ganz andere als die gewohnten. Sie haben literarische Qualität, was immer man darunter verstehen mag. Darin besteht ihr Novum zumindest in der deutschsprachigen Szene. Einer von uns hat seine Phantasien nicht platt gespiegelt, sondern anspruchsvoll gestaltet. Der Band "Catfight!" besteht aus Short Stories im klassischen Sinn.

Die Kurzgeschichten sind unprätentiös, aber stilistisch ausgefeilt erzählt. Einwandfreies Deutsch wie hier ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Viele Dialoge machen die Erzählung zur Bühne. Der Leser wird vom dramatischen Fortgang mitgerissen. Generalthema ist die Rivalität unter Frauen, die der Autor von Andeutungen bis zur Kampfphantasie ausspinnt. Bereits die erste Erzählung, "Tara, Cybergirl", ein gekonntes Stück Science Fiction, verrät, welche Möglichkeiten auch der Phantasie dem Autor zu Gebote stehen. Manchmal werden ganz alltägliche Situationen skizziert, mit denen sich der Leser sofort identifizieren kann. Immer strahlt Atmosphäre aus. Das jeweilige Milieu, zum Beispiel das einer sozialpädagogischen Fakultät in "Intelligenz-Bestien", wird exakt getroffen. Immer wieder wird das Umschlagen von Aggression in Zuneigung thematisiert. Es ist, als ob Frauen-Rivalität nur diese Begegnungsformen kennte: haßerfüllte Abneigung oder innige Zuwendung - aus Überwältigung wird Verschmelzung, dies hier in körperlichem Sinne. Frauen werden Widerspruch anmelden, aber ob Betroffene - das gilt für Männer ebenso - denselben scharfen Blick haben können wie Außenstehende? Der Autor legt jedenfalls ein hohes Einfühlungsvermögen in psychische Prozesse an den Tag.

Der spannende Aufbau der Kurzgeschichten gipfelt oftmals in einer überraschenden Pointe. Genau dieses Spannungsmoment und seine Lösung veranlassen dazu immer weiterzulesen. Was will man von einer Lektüre mehr? Versteht sich, daß der Erzähler unseren Nerv trifft. Es ist ja auch sein Nerv. Doch er wahrt die Distanz des oftmals lächelnden Beobachters. Er weiß, daß in ihm ein Vulkan brodelt; er hält sich zwar im Zentrum der Eruptionen auf, beobachtet sie, registriert, beschreibt, doch alles - um das Bild fortzusetzen - in der Sicherheit eines in der Höhe kreisenden Hubschraubers. Er weiß allerdings auch, daß diese Sicherheit trügerisch ist.

Wem das alles zu hochgestochen klingt, mag sich daran halten, daß der Autor unsere Welt der geheimen Reize kennt und mit ihnen spielt. Dazu gehört auch der Reiz bürgerlich unanständiger Ausdrücke. Er gebraucht immer wieder unflätige Vulgärbezeichnungen, die empfindliche Gemüter abschrecken mögen und doch Reizworte sind; ich bezeichne das als Ästhetizismus der Koprolalie. Klingt doch gleich viel besser! Zu Goethes Zeiten galt bereits das Götzenwort, das im Schwäbischen zur Alltagssprache gehört, als verrucht. Vielleicht hat die Tatsache, daß er sich in dieser Hinsicht keinen Zwang auferlegt hat, den Autor veranlaßt, ein Pseudonym zu wählen; das ist zwar witzig, aber nicht sonderlich überzeugend: Rainer Maria Ringer. Die einen fragen sich, was der Lyriker Rilke damit zu tun hat - außer der Verschlossenheit und dem Einzelgängertum, die der Literat mit dem Frauenkampf-Enthusiasten teilt -, die anderen kapieren es erst gar nicht. Kenner haben Gelegenheit zu schmunzeln: Kafkas "Beschreibung eines Kampfes" taucht hier als Titel wieder auf. Man erkennt daran, daß der Autor sehr wohl, wie die meisten von uns, auch andere, wohlgelittene Interessen hat.

Und noch etwas. Ich habe zwar selbst, als ich einmal nachts um 3 Uhr aufgewacht bin, die Nachttischlektüre fortgesetzt, aber ich rate doch zur Portionierung. Gesetzt den Fall, alle Stories handelten in irgend einer Form vom Essen, würde das auch einem Gourmet irgendwann zuviel werden. Oder, um in der Szene zu bleiben: So schön eine Ringkampfveranstaltung ist, nach - wählen wir eine Zeit, über die man nicht zu diskutieren braucht - zehn Stunden ist die Aufmerksamkeit längst erlahmt, man weiß, was kommen wird, nur die Sucht hält einen noch an der Matte. Diese Einschränkung ist, versteht sich, nicht dem Autor anzulasten, sondern ein Appell an die Intelligenz der Leser. Sie werden ihn, fürchte ich als 3-Uhr-nachts-Leser, in den Wind schlagen.

Der Autor hat sich, was zu verstehen ist, dazu entschlossen, das Buch "Book on demand" zu verlegen, das heißt, daß nur dann ein Exemplar gedruckt wird, wenn es bestellt worden ist. Abgesehen davon, daß der Hauptbetreiber von Book on demand uns über die Lieferfrist großspurig täuscht - solche Täuschungen sind wir von den neuen Medien nachgerade gewöhnt - , sind die Ergebnisse von Book on demand, die ich kenne, gerade für die Belletristik enttäuschend. Das Layout auch dieses Bandes (in Klebebindung) ist ziemlich lieblos. Doch dies wird und sollte niemanden vom Kauf abhalten. Ich sehe in dem Erscheinen dieses "Lesebuchs für Fans" ein Zeichen dafür, daß sich unsere Szene zu installieren begonnen hat und in diesem Prozeß eine neue Qualität, nun sogar eine literarische, erreicht worden ist.

Werner Sonntag

Rainer Maria Ringer: Catfight! Ein Lesebuch für Fans. Mascara-Verlag Berlin, 2002, Book on demand, broschiert, 252 S., 17,80 Euro. 3-8311-2975-4. 

Ringen in vollen Zügen

Der Titel „Wrestling–Girls und Bistrowagen“ läßt bereits erkennen, daß es sich in diesem Roman – ob es einer ist, sei dahingestellt – um zwei thematische Erzählungsstränge handelt. Das bekommt der Geschichte, die der Autor zu erzählen hat, nicht schlecht, so ungewöhnlich es auch sein mag, daß Eisenbahnfahren – dafür steht der Bistrowagen – und Ringkampfleidenschaft verquickt werden. Die beiden so ungleichen Themen sorgen dafür, daß Leser nicht ermüden. Hervorragende Autoren, zum Beispiel Grass und Walser, sind Meister in solchen Verzahnungen. In der Ringkampfszene kommt mit solcher Zweigleisigkeit der Vorzug hinzu, daß damit erstmals die Chance besteht, unser Ringkampfthema belletristisch außerhalb der Szene bekanntzumachen. Das ist für uns das Neue an diesem Buch, dem vierten auf unserem Gebiet, wobei interessant ist, daß drei davon innerhalb eines einzigen Jahres erschienen sind. Das Jahr 2002 wird daher auf unserem Gebiet eine ähnliche Schlüsselrolle einnehmen wie die Jahre 1976 und 1992.

Ein weiterer Schritt auf dem Weg der Artikulation: Die Handlung des Romans oder der Erzählung und deren Hintergrund sind völlig transparent, im Gegensatz zu der auf Fiktion beruhenden „Boxerin“ von Doris Masius und den Kurzgeschichten in „Catfight!“ von Rainer Maria Ringer. Der Autor Carsten Brieger hat auf ein Pseudonym verzichtet und ebenso auf jegliche Verschlüsselung. Was er erzählt, ist seine Geschichte, die er real so erlebt hat. Deshalb also tue ich mich mit der Kategorisierung „Roman“ hier schwer.
Ein Anfangdreißiger, der Autor, erlebt eine Zäsur; die Zeit der Ausbildung und der beruflichen Orientierung ist abgeschlossen, jetzt wird es ernst. Er beschließt Atem holend eine Art Spurensuche, eine Reise zu Stätten, die ihm etwas bedeutet haben. Dazu bedient er sich der Bahn. Und da kennt er sich aus, wir haben es mit einem geübten und kenntnisreichen Bahnfahrer zu tun. Dabei ist er durchaus kritisch und nicht etwa Ökologe mit rosa Brille. Manchmal durchzuckte mich, obwohl ich im Eisenbahnwesen nicht unbewandert bin, bei der Lektüre der Gedanke: Da weiß ich doch, weshalb ich lieber Auto fahre – und seitdem Spontaneität durch die Bahntarife bestraft wird, noch mal so gern. Auch die Spontaneität des Autors Carsten Brieger müßte jetzt zum Teufel gehen. Der Abschied vom Speisewagen tut ein übriges dazu – die Androhung dessen hat den Autor noch während der Geburt des Buchmanuskripts ereilt, und er hat sich beeilt, das in einem Anhang aufzufangen. Doch andererseits, wenn ich so extravertiert wäre wie Brieger, hätte ich mich in der Zelle meines Autos um einiges gebracht – Raststätten sind kein Ersatz für die zahlreichen Chancen der Kommunikation im öffentlichen Nah– und Fernverkehr. Dies durchaus mit einem lasziven Unterton. Denn der Autor verhehlt seine Bedürfnisse nicht; er ist auf der Suche nach starken Frauen. In harmlose Frauen projiziert er die Gegnerin für Mixed–Kämpfe. Die Bahn ist drei Wochen lang das Vehikel seiner Ringkampfphantasien. Erstaunlicherweise schafft er es dabei immer wieder, zu realen Kämpfen, sogar spontanen, zu kommen. Auf der einen Seite ist es amüsant, wie er über Intercity und Regionalexpreß plaudert – selbstverständlich weiß er auch immer, wie die Mitropabedienung oder die Zugbegleiterin heißt –, auf der anderen Seite ergibt sich die Spannung daraus, ob er sein häufig unbestimmtes Ziel erreicht. Ins Romanhafte geht die Episode mit Monika. Hier brauchte er offenbar nichts zu verdichten, das Leben selbst hat die Romanze, die einen Roman–Vorwurf enthält, geschrieben. Der Autor quält sich nicht, Emotionen zu schüren. Er schildert schlicht seine Befindlichkeit, und siehe da, Lust und Melancholie liegen dicht beieinander und wecken beim Leser Anteilnahme. Brieger läßt zwar keine Orientierung an literarischen Vorbildern erkennen, aber gerade die Episode mit Monika erinnert mich, wenn man die 90 Jahre Zeitunterschied berücksichtigt, ein wenig an Kurt Tucholskys „Schloß Gripsholm“. Sehr Komplexes wird ohne Aufgeregtheit locker geschildert.

Wie in jedem guten Erzähltext ist auch hier eine Entwicklung erkennbar. Brieger ist es am Anfang wie jedem von uns gegangen: Er ist sich, wenn er sich nicht sogar geschämt hat, unsicher gewesen, wie weit er sich offenbaren konnte. Aus dieser Panzerung befreit er sich. Ohne daß dies ausdrücklich artikuliert wird, werden wir Zeuge eines Emanzipationsprozesses. Brieger spricht mit Frauen über seine Leidenschaft, und siehe da, manchesmal überraschend wird sie akzeptiert. Seine Erfahrung ist, wie ich nach der weiblichen Resonanz auf „Kampfes Lust“ bestätigen kann, durchaus zu verallgemeinern.

Was mich an diesem autobiographischen Roman – nennen wir ihn einmal so – fasziniert, ist das Fehlen jeglicher literarischer Ambition. Keine Bemühtheit, hier wird stilistisch keine Krawatte vorgebunden. Ein (vermutlicher) Jeansträger macht keine großen Worte, er schildert, was ist. Ich nehme jedoch an, daß er seine Aufzeichnungen erheblich komprimiert hat. Man soll angesichts der Leichtigkeit eines Stils den Weg dahin nicht unterschätzen. Für mich verkörpert sein Stil authentisch das Lebensgefühl von Dreißigjährigen, die aber auch schon eine Erinnerung haben.

Brieger gehört seit Jahren zur Szene. Er gehört nicht zu der Fraktion der Phantasten; er weiß, daß unsere Leidenschaft grundsätzlich nicht anders als gegen Bares abzudecken ist, es sei denn man begnügt sich damit, andere am Telefon oder im Internet mit seinem Kommunikationsbedürfnis zu behelligen. Brieger weiß, was er will und läßt sich auf der Reise seine Leidenschaft einiges kosten. Unsere Szene taucht ganz real auf, da ist von der „Amazone“ die Rede, von Wiwa, von Lizzy, Christa und anderen namentlich Bekannten. Dokumentation ist nicht beabsichtigt, aber man wird in Jahren einmal während der Lektüre sagen können: Aha, so war das damals.

Bei der Fülle realer Bezüge kann schon mal ein Fehler unterlaufen, mit Germsbach ist Gernsbach gemeint. Mich irritiert jedoch Sprach– und orthographische Schlamperei, für die auch die sogenannte Rechtschreibreform kein Freibrief sein kann. Nicht daß ich etwas gegen Sprachplattheiten als Stilmittel hätte. Aber falsche Präpositionen stören mich ebenso wie die Missachtung des Kasus und die Verwechslung von das und dass sehr. Zudem darf man an den Autor, der einen Verlag für Sozialwissenschaft gegründet hat, einige Ansprüche stellen. Schlägt das Ergebnis der Pisa–Studie inzwischen auch auf die Universitäten durch? Doch der flotte Wurf dieser Schilderung eines, der auszog, das angenehme Gruseln auf der Matte zu lernen, wird durch einen solchen Einwand nicht berührt, und die wenigsten Leser werden das überhaupt merken. Wer sinnbildlich zu Brieger ins Abteil steigt, hat Besseres vor. Er wird sich köstlich unterhalten und vielleicht sogar bemerken, daß Soziologie offenbar präzise Beobachtung der Umwelt voraussetzt.

Werner Sonntag

Carsten Brieger: „Wrestling–Girls und Bistrowagen“. IFDW–Verlag Hamburg, 2002, ISBN 3–934476–04–X. Kart., 234 S. 9,80 Euro. Beim Verlag (Bogenstraße 20, 20144 Hamburg) oder im Buchhandel.

Different Loving

D&S ist nicht der Name einer britischen Eisenbahngesellschaft, sondern die Abkürzung für Dominance & Submission. Sie kommt in dem 1999 erschienenen Sachbuch ziemlich häufig vor. Denn „Different Loving“ - frei übersetzt: Verschiedene Arten zu lieben - behandelt „The World of Sexual Dominance & Submission“. Aus etwa hundert Interviews haben die drei Autoren eine Anzahl von Triebneigungen, von der Sexualwissenschaft eine Zeitlang Paraphilien genannt, herausdestilliert. Sie haben das ohne wissenschaftliche Prätention vereinfachend und schnörkellos getan, so daß der Band bei gutem Schul-Englisch auch von Anderssprachigen flüssig lesbar ist. Dennoch gibt es einen seriösen wissenschaftlichen Hintergrund, auch wenn dies, wie bei einem Rückgriff auf Freud, nicht immer erkennbar wird. Im Literaturverzeichnis finden sich Namen von Rang, von Rousseau über Krafft-Ebing, Ellis, Stekel, Horney, Hirschfeld zu Bataille, Foucault und Comfort.

Nun werden nicht allzu viele von uns Gefallen an Bondage und Spanking, Rollenspiele und „Wassersport“ finden; doch das Buch enthält auch ein Kapitel über „Erotic Combat and Gender Heroics“. Damit wird unsere Triebneigung einer sicherlich breiten Leserschaft präsentiert. Dadurch, daß unsere Neigung als eine unter zahlreichen erotischen Varianten sachlich und unvoreingenommen dargestellt wird, wirkt das Buch entängstigend und zerteilt den Nebel der Geheimnistuerei, unter der viele aus der Szene gelitten haben oder noch leiden. Zwar werden nicht allzu viele das 539 Seiten starke Werk wegen der knapp 20 Seiten über erotischen Kampf kaufen, zumal da es nichts enthält, was wir nicht schon wüßten; aber das aufklärerische Buch verdient, erwähnt zu werden. Es gehört wegen seiner Öffentlichkeitswirkung in den nicht sehr großen Fundus von Veröffentlichungen über den erotischen Kampf.

Werner Sonntag

Gloria G. Brame, William D. Brame, Jon Jacobs: Different Loving. The World of Sexual Dominance & Submission. Century, London, 1999. Broschiert, 539 Seiten. 12,99 ₤. ISBN 0-7126-7792-5


Die Boxerin

Dies ist der erste Roman, dessen zentrales Thema unsere Leidenschaft ist. „Catfight!“ sind short stories, und „Wrestlinggirls und Mitropawagen“ ist bis auf gewisse Verfremdungen die Autobiographie eines von uns. „Die Boxerin“ dagegen ist Fiktion, und der Roman wendet sich nicht an „die Szene“. Doch die Autorin ist ganz dicht dran. Doris Masius - wer immer das sein mag - schildert den Weg einer emanzipierten Frau, deren Emanzipation zum großen Teil darin besteht, sich zu ihrer Kampfleidenschaft zu bekennen. Zwar steht privates Boxen im Vordergrund, aber die Philosophie dahinter gilt genauso für den privaten Ringkampf. Ich habe mich, obwohl kein Freund des Boxens, erkannt und verstanden gefühlt.
Einige muß ich warnen: Die Autorin befleißigt sich eines Stils, der sexualwissenschaftlich als Algolagnie bezeichnet wird, am besten übersetzt als verbale Pornographie. Da in einem Roman von 283 Seiten nicht auf jeder Seite gekämpft werden kann - weil selbst wir das nicht ohne Ermüdung verkraften -, wird eine fiktive Biographie entwickelt. Daran stört mich etwas, daß permanent auf die Vergnügungsfreiheit der Oberschicht geschielt wird. Doch ich nehme das in Kauf; es wäre ja auch meine Phantasie, soviel Vermögen zu haben, daß ich jedes Ringkampftreffen sponsern könnte. Zudem steht es in direkter Nachfolge von de Sade, der seine Lust-durch-Schmerz-Phantasien ja auch nicht durch die Begrenztheit der Mittel aufhalten läßt.

Für mich hat der Roman nur zwei wirkliche Nachteile: Erstens, daß er nicht von mir ist - ich hätte unsere Szene gern in einem Roman dargestellt, statt dessen habe ich mich für eine wissenschaftliche Behandlung entschieden - , zweitens, daß der Band seit Jahren vergriffen ist. Auch das macht dieses Buch bemerkenswert. Im Gegensatz zu einem wissenschaftlichen Buch beträgt die Auflage eines Romans mindestens 3000, eher 5000 Exemplare. Das bedeutet, daß der Band zumindest überwiegend von Lesern gekauft worden ist, die nicht „unserer Szene“ angehören („Unsere Szene“ liest ja meistens nicht mehr, sondern guckt - am liebsten kostenlose - Film-Clips). Recherchen in dieser Richtung sind leider ergebnislos verlaufen. Der Innaron-Verlag in Zürich existiert längst nicht mehr; unverfängliche Fragen, selbst die, ob es sich bei Doris Masius tatsächlich um eine Autorin oder nicht doch um einen Autor handelt, sind unbeantwortet geblieben.

Wer im Antiquariat sucht, konnte zumindest früher fündig werden. Warnung: Es gibt einen weiteren, späteren Titel „Die Boxerin“ von Manuela Kuck - nicht darauf hereinfallen!

Werner Sonntag

Doris Masius: Die Boxerin. Innaron-Verlag Zürich, 1996. Geb., 283 S. ISBN 3-9520850-4-9

Flausen im Kopf

 Wer denkt bei dem Roman-Titel "Bier, Geld und Tomaten" schon an ringende Frauen? Der Held des Romans denkt nicht nur an das nächste Bier in der Kneipe, an das Geld im Bank-Tresor, das er sich demnächst holen will, und an die Ausstellung über Tomaten, die er als "Museologe" veranstalten möchte. Er scheut nicht davor zurück, sich für immenses Geld den Wunsch zu erfüllen, zwei Frauen ringen zu sehen. Der Held des Romans, Christian Winter, ist erfunden, der heimliche Wunsch nicht. Der Autor, Frank Wündsch, hat sich schon vor Erscheinen seines Romans zur Szene bekannt.

Man wird sich das Buch wahrscheinlich nicht wegen der einzigen, allerdings ausführlich beschriebenen Ringkampfszene kaufen; aber es überrascht doch beträchtlich, in einem Roman mit ganz anderer Thematik eine solche Episode zu finden. Von Kinofilmen ist man seit Jahrzehnten Catfight-Szenen gewöhnt, von Marlene Dietrich bis Veronica Ferres. Doch in Romanen sind solche Szenen noch ungewöhnlich. Zu registrieren ist also: Die Amazonen-Szene ist literaturfähig! Ein Autor hat sich aus der Heimlichkeit seiner Phantasien gewagt.

W. S.

Frank Wündsch: Bier, Geld und Tomaten. Engelsdorfer Verlag, 2008. Kart., 236 S. 12,95 €. ISBN 3-86703-936-4