Kampfes Lust

Werner Sonntag: Kampfes Lust. Über die Erotik der Körperbegegnung im Zweikampf. Beschreibung einer Szene. Wenn Frauen kämpfen und Männer zuschauen: Emanzipation, Stimulation, Obsession? Geb., DIN A 4, 662 S., 210 Abb., neuer Preis: 38,00 €


Wir Amazonisten
Besprechung des Buches “Kampfes Lust”  in „Amazone“ Nr. 4/02

Nur Insider können ermessen, welche Leidensgeschichten Menschen hinter sich haben, die vom Ringkampf- Fetisch besessen sind; für die “Kampf” und “Lust” nicht notwendigerweise im Gegensatz zueinander stehen. Viele haben sich selbst mit dem Stigma der “Perversion” versehen, halten ihre Neigung oftmals ein Leben lang verborgen, weil das, was sie umtreibt, im öffentlichen Bewußtsein schlechterdings nicht zu existieren scheint, während sexuelle Vorlieben wie “Spanking”, “Bondage” und “S/M” zumindest einen gewissen Bekanntheitsgrad für sich beanspruchen können und wie selbstverständlich sogar bis in die Prospekte der Beate Uhse vorgedrungen sind. Demgegenüber haben viele Ringkampf-Fetischisten gelernt, sich wie Ausgestoßene zu verhalten - unsicher ihrer eigenen Neigung gegenüber, die heute, in der Blütezeit einer eifernden politischen Korrektheit, mehr denn je am Abgrund des Verdikts der “Gewaltverherrlichung” balanciert, und stets auf der Hut vor dem Makel des Abartigen.

Unlängst ist nun - endlich! - ein Buch erschienen, das sich erstmals in Ausführlichkeit mit der Geschichte und dem Hintergrund der “Kampfes Lust” (so der Titel) befaßt.

Werner Sonntag, der langjährige Herausgeber der “Amazone”, ist ein gestandener Journalist mit zahlreichen Buchveröffentlichungen und nähert sich dem Thema gewohnt seriös, wobei er einen intensiven Blick in die Geschichte des weiblichen Zweikampfs sowie in die des sprichwörtlich gewordenen "Kampfes der Geschlechter" tut. Natürlich läßt bereits der Titel seines Buches eine gewisse Tendenz erahnen: "Kampf" hat definitiv auch etwas mit "Lust" zu tun. Werner Sonntag versammelt die Aussagen bedeutender Frauen und Männer, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben, zu einem unterhaltsamen Kompendium und einem wahren Feuerwerk der "LeseLust", das bestrebt ist, die Lust am Kampf aus dem unverdienten Schattendasein des "Schmuddeligen" und "Perversen" ans Licht einer durchaus akzeptablen und akzeptierten Neigung zu führen.

Mit wissenschaftlicher Akribie versucht er den Beweis anzutreten, daß das, was uns umtreibt, der humanoiden Natur innewohnt; daß dem Zusammenhang, der zwischen Aggressivität und Sexualität besteht, alle Menschen gleichermaßen unterworfen sind und wir - die Amazonisten - in uns selbst keineswegs abartige Sonderlinge sehen sollten, die es verdient hätten, verschämt und namenlos am Rande der Gesellschaft zu vegetieren. Mit diesem Buch tritt unsere Szene zum ersten Mal selbstbewußt ans Licht der wissenschaftlichen Öffentlichkeit; und zum ersten Mal liegt ein wissenschaftlich begründetes Plädoyer für ein größeres Selbstbewußtsein unserer Szene vor.

Es handelt sich um ein dickleibiges Werk von einigem Gewicht, und das nicht zuletzt im Sinne seiner Bedeutung. Schnell wird klar: Hier haben wir es mit einem großen Wurf zu tun, der wissenschaftlichen Ansprüchen Genüge tut und ganz eindeutig das Zeug zum Standardwerk hat. Werner Sonntag hat sich hier selbst ein Denkmal gesetzt, denn ihm ist etwas ganz Besonderes gelungen, das für uns alle Relevanz hat: Zum ersten Male überhaupt wird unsere Szene, die bislang unbenannt und im geheimen kümmert, in sexualwissenschaftlicher Hinsicht definiert und abgegrenzt. Es ist nicht übertrieben zu konstatieren: Durch dieses Buch erhält sie erstmals ein Gesicht.

In der Tat hat Werner Sonntag eine überaus bemerkenswerte Sammlung literarischer und historischer Zeugnisse zusammengetragen, die bis in die Frühzeit der Menschheitsgeschichte zurückdatieren. Der Autor brauchte nach eigenem Eingeständnis zehn Jahre, um dieses Buch zu schreiben, und beim ersten Ansehen scheint es, als benötige man dieselbe Zeit, um es zu lesen. Sobald man jedoch eventuelle Berührungsängste überwunden und erst einmal mit dem Lesen begonnen hat, wird man sich sehr schnell wünschen, es möge nicht nur nicht nach zehn Jahren, sondern niemals enden.

Trotz aller Ambitioniertheit seines Anspruchs verliert Werner Sonntag nie den Blick für seine Leser. Im Unterschied zu vielen anderen Wissenschaftlern versteht er es, auch den Laien anzusprechen und, mehr als das, von der ersten Zeile an in seinen Bann zu ziehen.

Das Buch umfaßt siebenundzwanzig in sich breit gefächerte Kapitel. Sie bieten eine fundierte Zusammenstellung von historischem und psychologischem Faktenwissen, wie es sie in dieser Form weltweit bisher nicht gegeben hat, ergänzt um dokumentarische Berichte und Selbstdarstellungen aus der Szene, die für sich genommen nicht nur einzigartige Dokumente, sondern auch - wen wundert es? - überaus erregend sind. Ein Leckerbissen für sich ist der Anhang “Zweikampf in literarischen Zeugnissen”. Erstaunlich, welche großen Namen sich der KampfesLust genähert und sich mit ihr offenbar recht wohlgefühlt haben! Ähnliches gilt für den opulenten Bildteil, unter anderem mit geradezu sensationellen Aufnahmen von historischem Wert, die bislang wohl kaum jemand zu Gesicht bekommen haben dürfte. Er allein beansprucht etwa achtzig Seiten!

Wo immer man dieses Buch aufblättert, wird man Vergnügliches, Wissenswertes und - das nicht eben zum geringsten! - höchst Erotisches finden, und um so schwerer fällt es dann, sich dazu zu zwingen, es beiseite zu legen. Die bei Werken mit vergleichbarem Anspruch üblicherweise erforderliche Disziplin, sie gewissenhaft von Anfang bis Ende zu studieren, ist gar nicht erst vonnöten, denn der übersichtliche Aufbau gestattet es, einzelne Abschnitte je nach Gutdünken zu überspringen, ohne daß dadurch irgend ein Verständnisverlust entstünde. Der Autor selbst weist in seinem Vorwort darauf hin, daß alle Kapitel unabhängig voneinander gelesen werden können. So hält man ein “Lesebuch” im besten Sinne des Wortes in Händen, ein Kompendium, das für die Ringkampf- Szene ein wahres Füllhorn an Histörchen, Anekdoten, Wissenswertem und Erregendem bietet.

In der Tat wird man dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen wollen, sobald man einmal angefangen hat, darin zu blättern. Wahlweise verschlingt man es in einem Atemzug wie einen Roman oder nimmt es immer wieder zur Hand wie ein Nachschlagewerk. Spannend und informativ jedenfalls ist es zu gleichen Teilen und bietet somit gediegenes “Infotainment” im allerbesten Sinn, wie es bislang nur auf dem angelsächsischen Buchmarkt zu Hause war. Die sprachliche und gedankliche Ambitioniertheit des Textes ist gleichermaßen ein ästhetischer wie ein erotischer Genuß - ein Glücksfall, der dieses Buch zu einer Sternstunde für unsere Szene macht!

Wer frühere Publikationen des Verfassers kennt, weiß seinen flüssigen, unterhaltsamen Stil zu schätzen, mit dem er erfreulicherweise seine Leser auch diesmal durch die Materie geleitet, und das selbst dann, wenn sie gelegentlich schwierig anmutet. Kaum jemand, der in Kapiteln wie “Des Krieges wie der Kurzweil wegen” oder ”Das fetischistische Element im Lustkampf” zu lesen begonnen hat, wird das Buch zur Seite legen können, und niemand wird es bereuen, den auf den ersten Blick hoch anmutenden Preis von immerhin 90 Euro entrichtet zu haben. Mit seinen umfassenden historischen und dokumentarischen Abrissen, einem ausführlichen Bildteil, der allein das Geld wert ist, nicht zuletzt aber auch mit einer opulenten, wertigen Ausstattung läßt es sehr schnell die Videocassette vergessen, die man stattdessen hätte erwerben können und die im Grunde genommen doch nur ein und dieselbe Kampfszene zum tausendsten. Mal wiederholt. Im Gegensatz dazu hält man hier nicht nur etwas ganz und gar Neues, sondern zweifellos auch etwas Bleibendes in den Händen; man darf sich ein wenig wie ein Zeitzeuge fühlen, dem es vergönnt ist, an einem wichtigen Meilenstein der Geschichte teilzuhaben, und mag es auch “nur” die Geschichte unserer Szene sein. Doch was könnte einem Amazonisten mehr bedeuten? 

Keine Frage: Wer sich zukünftig mit dem Ringkampf- Fetisch befaßt, kommt an diesen 662 Seiten nicht vorbei. Dieses Werk ist genau das, das ich mir gewünscht hätte, als ich meinen Fetisch zu entdecken begann. Hier ist sie - die Bibel für Fans! Und vielleicht werden in Zukunft einige in Abwandlung Wowereits (des Regierenden Bürgermeisters von Berlin) sagen: “Ich bin Amazonist - und das ist auch gut so!”

Der einzige Vorwurf, den man diesem Buch machen könnte, ist, daß es zu unhandlich ist, um es ständig mit sich herumzutragen, und daß es trotzdem irgendwann einmal endet.

Holger


Zeitschrift für Sexualforschung

Heft 4, 17. Jahrgang, Dezember 2004, S. 381


Bereits die vielen Untertitel des voluminösen Buches verweisen auf einen weit gespannten Anspruch. Werner Sonntag hat als Autodidakt in zehnjähriger Forschungs- und Sammlerleidenschaft ein umfangreiches und beeindruckendes Material zum Thema Zweikampf in all seinen Formen (als Ringkampf, Box- oder Fechtkampf, Frauen-Boxen, Frauen-Wrestling, Schlamm- und Ölringringkampf) zusammengetragen und verfolgt damit vor allem aufklärerische Impulse. Er will mit seinem Buch, das „gegenwärtig das einzige ist, das sich offen und seriös ausschließlich dieser Untergrundszene widmet“ (S. 15), dazu beitragen, daß jene Menschen, die dem „Lustringkampf“ als Akteure oder Zuschauer nachgehen, gesellschaftlich sichtbar und (Anm. Auslassung im Originaltext) akzeptiert werden. Die Beschreibung der Szene hat auch ein utopisches Moment. Die zweckfreie Lust gilt dem Autor als „Selbstverwirklichung“ und als ein gesellschaftlicher Beitrag im Rahmen einer neu zu gestaltenden Körper-Besinnung (S. 493). Durch vorrangig psychologische Erklärungsmuster sowie kultur- und sporthistorische und biografische Quellen sollen sich die Angehörigen der Szene identifizieren können. Die Erklärungsmuster sollen ihnen das Gefühl geben, „sich auf einer Entwicklungslinie, gewissermaßen von der erotischen Balgerei am Amazonas bis zur Video-Produktion nach Marketing-Gesichtspunkten zu befinden“ (ebd.). Sonntag rekonstruiert eine identitätsstiftende Kontinuitätslinie vom alten Ägypten und von China (3000 v. Chr.) über die griechische und römische Antike und das europäische Mittelalter bis zur unmittelbaren Gegenwart.

Ein methodisch vergleichbares Werk liegt uns von dem Sexualwissenschaftler und Berliner Arzt für Haut- und Sexualleiden Iwan Bloch vor. Auch er war an kulturgeschichtlichen Zusammenhängen medizinischer Forschung interessiert (Prostitution, Syphilis, Sittengeschichte Englands) und entzog die „sexuellen Anomalien“ der Sexualpathologie eines Richard von Krafft-Ebing, in dem er davon ausging, daß die Psychopathia sexualis als Kultur- und Zeitphänomen hinter dem allgemeinmenschlichen Problem zurücktritt, das überall in seinen Grundzügen dasselbe ist. In seinem Buch „Das Sexualleben unserer Zeit in seinen Beziehungen zur modernen Kultur“ (Berlin 1907) entwickelte er den anthropologische Ansatz der Sexualforschung: „Dagegen ist die endgültige, letzte Ursache aller geschlechtlichen Perversionen, Aberrationen, Abnormitäten, Irrationalitäten, das dem Genus Homo eigentümliche geschlechtliche Variationsbedürfnis, welches als eine physiologische Erscheinung aufzufassen ist und dessen Steigerung zum geschlechtlichen Reizhunger die schwersten sexuellen Perversionen erzeugen kann“ (Bloch, S. 538).

Indem Sonntag die universelle Sinnlichkeit von Körperkontakten und deren Faszination in der Darstellung nachweist, ist für ihn Eros der eigentliche Held auf den Ringkampf-Matten jedweder Epoche. Sonntags sexualbiologischer Ansatz geht von der Annahme einer unveränderlichen Natur des Menschen aus und verortet in biologischen Aggressivitätstheorien den Ursprung aller Kampfeslust. In scheinbarem Widerspruch dazu stehen die kulturgeschichtlichen Quellen zu Sexualität und Gewalt, auch wenn sie unter die These von der immerwährenden libidinösen Kampfeslust über die Jahrhunderte hinweg subsumiert werden. Erzählungen über Ringkämpfe mit so unterschiedlichen Funktionen wie Vorbereitungen zu Kriegshandlungen, Geselligkeit oder die Verquickung beider sind nur schwer mit dem universellen biologischen Erklärungsmuster zu vereinbaren. „Der Kampfimpuls, hormonell gesteuert und von einem Auslöser abhängig, aktiviert das Aggressionspotential des Menschen. Kampf ist unwidersprochen unverhüllte Aggression“ (S. 283). Mit der Annahme einer „in Tausenden von Jahren nicht veränderten biologischen Mitgift“ (S. 282) ist das komplexe und widersprüchliche Denken über Gewalt in der Geschichte, wie es beispielsweise in der Kontroverse um Hans Peter Duerrs Werk „Der Mythos vom Zivilisationsprozeß“ (Frankfurt/M. 1988 - 2002) zum Ausdruck kam, auf schlichte biologische Essentials zurückgeworfen. Duerrs immerwährende Kritik galt in allen fünf Bänden Norbert Elias’ Zivilisationstheorie und dessen Thesen von der fortschreitenden Trieb- und Affektkontrolle der Individuen und dem Übergang des Gewaltmonopols auf den Staat. Leider finden wir in Sonntags Werk keine Reflexionen über die Methoden der zitierten Autoren, wie z. B. die anthropologische Grundlage der Sexualität bei Duerr in seiner evolutionsgenetischen Variante.

Daß im lustvollen Kampf unter Partnern Aggressivität spielerisch eingesetzt und in eine wie immer geartete soziale Beziehung umgewandelt wird (S. 297), gehört nicht zu den anthropologischen Konstanten, sondern eher zu den historisch sich wandelnden Kulturtechniken. Es ist auch zu fragen, ob der Sadomasochismus der Freunde und Freundinnen des libidinösen Ring- und Boxkampfes im Unterschied zur SM-Szene als ein verdeckter betrachtet werden kann (S. 298). Niemand kämpft für sich allein. Die Kämpfenden sind der Schaulust der Betrachtenden ausgesetzt, die Teil der sadististischen und masochistischen Begehrensstruktur ist. Sonntag bezieht sich auf die einschlägige sexuologische Literatur zu Sadismus und Masochismus, die im 19. Jahrhundert als Element jener historischen Macht- und Wissensformation funktionierte, die Foucault „Disziplinarregime“ nannte, das über die „Einschreibung der Perversionen“ die Sexualität als verborgenen Kern und tiefste Wahrheit in die Individuen versenkte. Der Hinweis auf Foucault sei hier gestattet, weil das sexualwissenschaftliche Wissen, auf das sich Sonntag bezieht, ein Teil des Sexualitätsdispositivs war, das die geschlechtlichen Identitäten, die es zu beschreiben vorgab, in einem Spiel von Norm und Abweichung erst hervorbrachte. Sonntag setzt sich zwar mit neueren Perversionsforschungen auseinander, nicht jedoch im sexualkonstruktivistischen Sinn, weil ihn das „Wesen“ der Szene interessiert.

Mit Ernst Schertel datiert er die erste wissenschaftliche Beschäftigung mit der Triebneigung „Lustkampf“ auf den Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Schertel schrieb unter verschiedenen Pseudonymen. Aus seiner Feder stammen u. a. die Werke „Fetisch und Fantasie“ und „Der Flagellantismus in Literatur und Bildnerei“ sowie zwei Romane. Von Schertel stammt auch eine für Sonntag wichtige Deutung einer ungewöhnlichen Paraphilie. „Unter der Bezeichnung ,Amazonismus’ führen wir hier eine bestimmte extreme Form von weiblichem Sadismus - bzw. männlichem Masochismus - ein, die bisher in der sexologischen Literatur noch nicht beschrieben worden ist. Unter ,Amazonismus’ ist dabei die Vergewaltigung des Mannes durch das Weib zum Zwecke des Samenraubes zu verstehen. Dieses Phänomen wirft ein bedeutsames Licht auf die auch in der weiblichen Natur liegenden Aggressionskräfte, so daß das Weib nicht nur als die ,attraktive’ - d. h. durch ihre Reize ,anziehende’ - sondern auch in hohem Maße ,aggressive’ - d. h. zu gewaltsamen Tätlichkeiten schreitende - Geschlechtspartnerin erscheint“ (S. 178). Schertel hat anscheinend, ebenso wie Carl Felix von Schlichtegroll (Die Bestie im Weibe. Beiträge zur Geschichte menschlicher Verirrung und Grausamkeit, Dresden 1903), zur Popularisierung sexualpathologischer Diskurse beigetragen.

Wissenschaftsgeschichtliche Verortungen der disparaten Materialien wären für die Struktur der Arbeit sinnvoll gewesen. So gewinnt man den Eindruck, daß Sonntag sich bei Sittengeschichten gleichermaßen bedient wie bei moderner Sexualwissenschaft, die Differenzen jedoch nicht reflektiert. Das umfangreiche Material, das Sonntag vorlegt, ist gleichzeitig beeindruckend und verwirrend disparat. Da das spezielle Interesse dieser Untersuchung den kämpfenden Frauen gilt, werden diese in eine Ahnenreihe der emanzipierten „femmes fortes“, starker Frauen mit Macht und Einfluß, und der Cross-dresser gestellt. Obwohl die Differenz der „femmes fortes“ als männliche Projektionen und der realen Außenseiterposition von Frauen, die sich nicht den dominanten Geschlechternormen fügten, betont wird, stellt sich auch hier ein Unbehagen ein, weil ethnologisches und mythengeschichtliches Material, Befunde der Psychopathia sexualis aus dem 19. und 20. Jahrhundert und „Frauensportmedizin“, Literatur und Kunst gleichwertig als Quellen der Wahrheit verhandelt werden. Ließe sich nicht eher fragen, mit welchen Mythen und Bildern dieses spezifische Wissen ausgestattet ist und welche Funktion diese Bilder für die Wahrnehmung der erotisch besetzten und voyeuristisch rezipierten kämpfenden Frauen hat?

Für die Entstehung der Frauen-Lust-Kampfszene konstatiert Werner Sonntag aus seinem umfangreichen Material für unseren Kulturkreis, daß · Frauenkämpfe insbesondere im 18. Jahrhundert in England zahlreiche Zuschauer anlockten, · eine signifikante Zuschauer-Zielgruppe von Frauenkämpfen, vor dem Hintergrund der Beliebtheit von Ring- und Boxkämpfen überhaupt, seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts besteht und · sich unter den Freunden des Frauenkampfes einschließlich privater Männerkämpfe eine Artikulation, Kommunikation und Kommerzialisierung seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts vollzieht (S. 136).

Es geht dem Autor vor allem darum, daß gleichgeschlechtliche Körperlust bei ringenden (heterosexuellen) Männern und bei Frauen im Ringkampf anerkannt wird. Novalis’ Wort „Man berührt den Himmel, wenn man einen Menschenleib betastet“ (S. 492) wird hier ebenso bemüht wie Shere Hite (S. 493). „Jeder Mensch“, so behauptet Sonntag, „der sich seiner androgynen Natur bewußt ist, muß die Fixierung auf eine Geschlechtsrolle ablehnen. Das bedeutet ja nicht Verzicht auf geschlechtliche Identität, sondern nur Offenheit. Jene Offenheit, die ringende Frauen der privaten Szene dank höherer Subtilität im Hinblick auf die Androgynität des Menschen erreicht haben“ (S. 493). Aber ist die Androgynität nicht auch eine mythische Figur, die immer dann aufgerufen wird, wenn sich die Geschlechterordnung krisenhaft gestaltet? Kann der Mythos des Androgynen nicht auch als eine Besänftigungsstrategie betrachtet werden? Zur Form geronnen produziert der Mythos immer neue Bedeutungen, so daß ein Rückgriff auf eine „Realität“ oder „Natur“ nicht mehr möglich ist. Der androgyn interpretierte Lustkampf ist als Handlung sozial hervorgerufen und konnotiert. Doch gerade diesem sozialen und kulturellen Kontext gilt Sonntags Interesse nicht. Mit seinem evolutionsgeschichtlichen Block gruppiert er das kulturgeschichtliche Material immer wieder sexualbiologisch um das Zentrum des konstanten Lustringkampfes und seiner emanzipatorischen Funktion.

Kann man, wie Sonntag, die „Offenheit“ des Geschlechtsverhaltens noch als eine Utopie bezeichnen? Die Grenzen zwischen den Geschlechtern sind angesichts neuer medientechnologischer Entwicklungen fließend geworden. Zielte das Sexualitätsdispositiv noch auf die Herstellung klarer Geschlechtsidentitäten, so läßt sich heute ein deutliches Auseinandertreten von sexueller Identität und sexuellem Verhalten beobachten. Sex, Gender und Begehren treten in vielfältige neue Verbindungen, die definitorisch nicht festgelegt sind. Queer und Gender Studies betonen den Herstellungsprozeß geschlechtlicher Identitäten als Effekt von Inszenierungen und performativen Akten, in denen die Normen und kulturellen Codes immer wieder angeeignet werden.

Sonntags großes Werk ist vor allem ein Buch für Liebhaber der Szene und für solche, die beim Lesen und Schauen ihre geheimen Wünsche entdecken. Es ist mit viel Liebe und Sorgfalt geschrieben und enthält das heute verfügbare Wissen über die Szene der Lust-Kämpfer. Das macht es auch sexualwissenschaftlich interessant. Besonders beeindruckend ist das Glossar am Ende des Buches, das einen Überblick über alle Kampfformen gibt, das Vokabular erklärt und literarische Szenen zusammenstellt, in denen Lust-Kämpfe vorkommen. Auch der umfangreiche Bildteil, zusammengesetzt aus heterogenem Bildmaterial - Fotos, Karikaturen, Zeichnungen, Plakate aus eigener Sammlung sowie aus Archiven und Zeitschriften -, wäre eine eigene Untersuchung wert. Die Normalisierung der Szene und damit die Integration einer randständigen Triebneigung ist das Anliegen des Autors. Sein Buch ist ein wichtiger Baustein für diesen Prozeß.

Dorothea Dornhof
(Berlin und Frankfurt/Oder)