Die Szene
Quo vadis anno 2009?
Die Krise ist zum vielleicht geläufigsten Wort unserer Zeit geworden. Haben wir in der Szene der Amazonenfreunde vielleicht auch eine? Auf jeden Fall haben wir vor drei Jahren eine gehabt. Die jetzige Situation läßt sich eher als Verflachung bezeichnen.
Nie zuvor haben wir so viele Möglichkeiten gehabt wie gegenwärtig. Niemand hindert uns, unseren Neigungen zu folgen. Wer uns ein Bein stellen will, stolpert eher selbst - siehe der belgische Fernsehjournalist Defossé, der für seine diskriminierende Kolportage über eine Ringkampfveranstaltung im Februar 2005 in Jemelle nach drei Jahren zu Schadenersatz verurteilt worden ist.
Kaum zu glauben, daß wir uns vor zwanzig, dreißig Jahren Werbematerial für Super-8-Filme, Ringkampf-Comics oder SW-Fotos aus den USA kommen ließen und selbst die Prospekte treu und brav in damals ziemlich teuren Dollar bezahlten. Heute genügt es, Suchfunktionen im Internet zu betätigen, und wir werden Tag und Nacht frei Haus mit einem Angebot an Kampfszenen ungezählter Webseiten überschüttet. Jahrelang galt „Amazons in Action“ weltweit als das einzige kompetente Sprachrohr für kommerzielle Aktivitäten auf der Matte und zwölf Jahre lang die „Amazone“ als die deutschsprachige Stimme. Heute können Nachrichten und Meinungen von einer Stunde auf die andere verbreitet und jedermann zugänglich gemacht werden. Aus der ängstlich gehüteten Heimlichkeit hat sich eine Entwicklung hin zur Community vollzogen.
Und doch fehlt etwas, das es früher gab: Neue Impulse, Leidenschaft, intellektuelle Durchdringung unserer Neigung, wirkliche Diskussion und Solidarität. Da sich jeder im Glashaus wähnte, hütete man sich, auf andere Glashäuser mit Steinen zu werfen. Dessen kann man sich seit drei Jahren nicht mehr sicher sein. Zwar war die Szene auch früher schon atomisiert; die „Community“ ist erst durch das Internet geschaffen worden, aber die Aktivitäten heute bleiben weit hinter den Möglichkeiten zurück. Selbst DWW, ein Fels in der Brandung des Kommens und Gehens, hat nach den Festivals in Ungarn aus welchen Gründen auch immer seine bisher größte Zeit offenbar hinter sich. Über die unternehmerische Emanzipation von Hana kann man sich freuen, aber foxycombat wird erst noch zeigen müssen, ob der Glamour, den die Homepage ausstrahlt, auf die Dauer ein solides Konzept, das mehr ist als die Produktion attraktiv anmutender Videos, tragen kann. Oder mit den Worten eines Amazonenfreundes, den ich zu meinem Kommentar konsultiert habe: „Besonders auffällig ist, daß im Dschungel der marktschreierischen Angebote immer mehr Gewicht auf Verpackung und Präsentation gelegt wird. Zunehmend in den Hintergrund treten Leidenschaft, Kampfeswillen und eine gesunde Härte.“
Mit den Printmedien sind auch die kompetenten Reviews, die kritischen Rezensionen von Produktionen und Veranstaltungen, untergegangen. Was wir heute im Forum lesen, sind völlig zufällige Berichte, zum Teil mit überflüssigen, langatmigen, persönlichen Details, meistens diktiert von den Vorlieben der Verfasser, zum Teil Protokolle ohne Wertung. Auch das ist unter Verflachung zu verstehen. Persönliche Meinungen und durchaus nützliche Informationen, aber keine Orientierung.
Wie glücklich waren Amazonenfreunde, wenn sie einander begegneten, sich endlich austauschen konnten! Was wir heute im Forum Catfightfans erleben, das ja der Struktur nach durchaus anspruchsvoll konzipiert war, ist in der Hauptsache der Austausch von Beiläufigkeiten. Jeder plappert vor sich hin, wie aufregend er die Ringerin X. findet, und drei andere stimmen zu oder finden Y. noch aufregender. Insofern spiegelt das Forum getreu die Situation der Szene wider, die Nivellierung auf Chat-Niveau. Fightergirl gar beschränkt sich offenbar auf Suchen und Finden von Partnerinnen für Mixed-Kämpfe und bezieht unverhohlen Angebote des Prostitutionsgewerbes ein. Es fällt auf, daß in den Foren trotz Hunderten von Usern immer nur ein kleiner Kreis seine „Postings“ absetzt. Dieser Kreis fluktuiert. Von Zeit zu Zeit zieht sich einer der Diskutanten, die ja nicht wirklich diskutieren wollen, von sich aus schmollend zurück, und wieder ein neuer User erfindet den Pin-und-Submission-Kampf gänzlich neu. Zwei sind meines Wissens gesperrt, aus keinem anderen Grunde als dem, weil sie lästig erschienen.
Wer gerade erst seine Neigung entdeckt hat und eines der Foren oder die Seiten einschlägiger Internet-Gruppen anklickt, erhält einen irreführenden Eindruck der Szene. Sie besteht nach wie vor eben nicht nur aus den Usern der Foren, von denen viele ein reichlich platonisches Verhältnis zur Szene haben und auf die Bewahrung eines Kontinuums nicht den mindesten Wert legen. Nach wie vor sind die nicht in einem Forum Vertretenen ja noch da, nur treten sie nicht in Erscheinung, zum Beispiel die ehemaligen „Amazone“-Leser, die sich dem Internet verweigern, Amazonenfreunde wie der „Rauftreff“-Begründer oder der Aktivist des rheinischen Beach-Balgens, solche, die ich beim TAC getroffen habe, der Amazonenfreund aus der ehemaligen DDR, der schon damals gesammelt hat, was er über den Frauenkampf in Erfahrung bringen konnte, und jener andere, mit dem ich mich neulich über Béatrice und Michel ausgetauscht habe.
Was diesen beiden Pionieren an Üblem widerfahren ist, war im cff-Forum zu keiner Zeit ein Thema; Solidaritätsbekundungen mit der todkranken Bettie Page, die wahrscheinlich seit Jahrzehnten nicht den mindesten Wert darauf gelegt hat, wurden angekündigt, aber keine Grußadressen an Béatrice und Michel versandt, denen das wahrscheinlich ein wenig geholfen hätte. Ebensowenig ist auf irgend eines der Themen, die ich in „Kampfes Lust“ behandelt habe, Bezug genommen worden. Stattdessen wird eine außenstehende e-book-Autorin, die dank der Internet-Suchfunktion in dieser Szene zufällig eine Zielgruppe entdeckt hat, angehimmelt, nur weil in ihrer Erzählung ein Catfight vorkommt, der zudem nicht typisch für die Mentalität der Szene-Angehörigen ist. Nein, keine persönliche Abrechnung, nur ein weiteres Beispiel für die Verflachung. Selbst der eigenen Homepage verweigern die User die Mitarbeit. Die letzte Nachricht unter den „News“ ist vom 12. Juni 2008. Da sucht eine RTL-Produktionsfirma eine Ringerin. Sie sucht sie haargenau dort, wo sie mit Sicherheit nicht zu finden ist, unter frustrierten Männern. Der Sender ist ja wohl derjenige, der in der Reihe „Explosiv“ den privaten Ringkampf durch den Dreck zu ziehen versucht hat. Die Szene, die sich im Forum artikuliert, hat kein Gedächtnis; sie will keines haben.
Gibt es Positives? Die Szene, soweit sie in Erscheinung tritt, hat sich nach einer Phase der Labilität, ausgelöst durch die Presseveröffentlichungen vor bald drei Jahren, wieder gefestigt. Daran ändern auch diejenigen nichts, die damals schleunigst das weite gesucht haben; sie haben sich damit selbst am ärgsten abgestraft. An das Hauptproblem früherer Zeiten, nämlich die bange Frage: Wo finden wir Ringerinnen?, braucht sich niemand mehr zu erinnern. Wer die Initiative ergreift, bereit zu Investitionen ist und einen halbwegs seriösen Eindruck hinterläßt, findet vorurteilslose junge Frauen, die auf die Matte gehen. GUROs zwar nicht auf Statistik beruhende, aber plausible Hypothese hat sich bestätigt. Die Gefahr besteht allerdings, daß die leidenschaftlichen Kämpferinnen, die noch jetzt viele Videofilme von DWW, Festelle oder WISC sehenswert machen, von Models verdrängt werden, die auf der Matte nur eine etwas andere Art der Selbstdarstellung sehen.
Wir mögen zwar, wie ich, mit der jetzigen Situation nicht zufrieden sein, aber im Vergleich zu früheren Entwicklungsphasen haben wir insgesamt an Selbstbewußtsein gewonnen. Gefahren erwachsen aus der Szene selbst: daß sie zunehmend zu Konsumenten von Angeboten wird, hinter denen nicht wie bei DWW hohes persönliches Engagement, sondern ausschließlich Gewinnstreben steht. Professionalisierung wird immer auch Kommerzialisierung bedeuten. Es liegt bei den Amazonenfreunden selbst, Authentizität zu erkennen und zu fördern. Was wir brauchen – das hat sich schon vor drei Jahren gezeigt –, sind Initiativen zu Treffen im kleinen privaten Kreis. Je vielfältiger die Szene wird, desto undurchschaubarer und damit weniger angreifbar wird sie für Außenstehende, die sich nicht scheuen, eine verklemmte Moral wiederzubeleben, um ihr eigenes Süppchen zu kochen. Hürden auf dem Weg der Fortentwicklung sind nach wie vor mangelnde Toleranz innerhalb der Szene gegenüber Facetten, die man nicht selbst vertritt, fehlende Integrationsbereitschaft, die Scheu, für seine Neigung in gemeinsame Projekte zu investieren, und die mangelnde Bereitschaft zu intellektueller Auseinandersetzung.
Die Erfahrung lehrt jedoch, daß sich diese Szene wie jede andere aus sich selbst heraus erneuert, selbst wenn es einige Zeit dauern sollte; denn die Bedürfnisse, die zu dieser Szene geführt haben, sind geblieben.
Werner Sonntag
Erwiderungen auf diese Standortbestimmung sind zu finden auf www.catfightfans.com
Bettie Page - ein Nachruf
Einer breiten Öffentlichkeit ist Marilyn Monroe sicher bekannter geworden; doch das schärfere Profil als Model einer Subkultur, die von ihr nachhaltiger als von anderen geprägt worden ist, hat Bettie Page. Sie war in den fünfziger Jahren das erste bekannte Pin-up-Model und in den Sechzigern das erste bekannte Bondage- und Fetischmodel. In Wikipedia, der freien Enzyklopädie, wird sie als eine der meistphotographierten Frauen der fünfziger Jahre bezeichnet. Bettie Page ist am 11. Dezember 2008 in Los Angeles im Alter von 85 Jahren gestorben; sie erlag nach einwöchigem Koma den Folgen eines Herzinfarktes. Die Szene der Amazonenfreunde hat allen Grund, um sie zu trauern.
Dabei ist sich Bettie Page ihrer Bedeutung für den erotischen Underground in den USA, ja, später der Welt, wohl nie bewußt gewesen. Dazu hat beigetragen, daß sie sich in späteren Lebensjahren ihren religiösen Neigungen zuwandte.
Bettie Page, am 22. April 1923 in Nashville, Tennessee, geboren, wollte ursprünglich Lehrerin werden, strebte dann aber zur Bühne. Zu diesem Zweck ging sie 1950 nach ihrer ersten Ehe nach New York, schaffte jedoch wegen ihres starken Südstaatendialektes den Sprung auf die Bühne nicht. Stattdessen geriet sie durch einen Zufall in die Szene der Pin-up-Photographie, wo sie sich dank ihrer natürlichen Art und ihrer Freizügigkeit rasch einen Namen erwarb. Dabei lernte sie auch Irving Klaw kennen, einen Photographen, der sich auf Fesselungs- und sadomasochistische Motive spezialisiert hatte. Mit diesen Praktiken, die sie unbefangen darstellte, hat sie sich jedoch nie identifiziert. In dieser Zeit, den sechziger Jahren, entstanden auch Frauenringkampffilme; im Gegensatz zu späteren Fakes in Zeitschriften hat Bettie Page tatsächlich gekämpft. Wohl die meisten dieser Super-8-Filme sind nach Beschlagnahmen vernichtet worden. Es war die Zeit der politischen und der sexuellen Repression in den USA, politisch des Kommunistenfressers McCarthy, auf sexuellem Gebiet die Zeit der Verfolgung durch eine nach dem Abgeordneten Kefauver benannte Schnüffel-Kommission, die Irving Klaw in den finanziellen und menschlichen Ruin trieb. Photos von Kampfszenen sind dann 1984, als sich längst die Liebhaber der Szene formiert hatten und einen Markt darstellten, von Triumph Studios in einer Broschüre "The Battling Bettie Page" veröffentlicht worden; sie wird höchstens noch antiquarisch zu Liebhaberpreisen gehandelt.
Auf Irving Klaw ist Betties Pagenfrisur zurückzuführen, die einen hohen Wiedererkennungswert hat. Cartoonisten werden ihr dafür dankbar gewesen sein. Auch bei dem Großmeister des Bizarren, Eric Stanton, taucht ihr charakteristischer Pagenkopf auf. Wohl als Folge der Nostalgiewelle bildete sich in den achtziger Jahren ein regelrechter Bettie-Page-Kult heraus. Doch da hatte sie sich längst zurückgezogen, widmete sich der Bibelarbeit und gestattete nicht, sie zu photographieren.
Mit ihren freizügigen Aufnahmen hat Bettie Page die heimliche Pin-up-Photographie öffentlich gemacht und dadurch in den USA zu einem etwas gelockerten Umgang mit erotischen Darstellungen beigetragen. Dies gilt auch für die Darstellung sadomasochistischer Praktiken, die schließlich sogar die Mode beeinflußt haben. Ihre Catfight-Filme waren vermutlich die ersten, die kommerziell für die Liebhaber des Frauenkampfes hergestellt worden sind. Selbst die Photos davon haben heute den Charme des klassischen Catfights, den Hauch eines heimlichen Voyeurismus, den Charme einer naiven Verruchtheit, die Patina angesetzt hat.
Von Kindheit an war ihr Leben eines mit Brüchen; doch es war ein Leben, das sich niemals in der Anonymität des Durchschnitts verlieren wird.
W. S.


Blick zurück - TAC
Neulich ist in einem Forum die Frage gestellt worden, ob man nicht den TAC wiederbeleben könne.
Ein Blick zurück: Der TAC war gewissermaßen eine Genossenschaft, bestehend aus acht bis neun Personen. Einige davon kannten sich noch aus den Zeiten von BEKA München während der achtziger Jahre. Unsere Kontakte festigten sich durch DWW und die unvergeßlichen Veranstaltungen in Wien, in Brünn und in Ungarn. In Deutschland trafen wir uns beim SportRing, der Initiative von Gert, der ebenfalls dem TAC angehörte. Für die Produktionen dort suchten wir den Kontakt zu der inzwischen zweimal verkauften BEKA, später AS-Film. So kam es, daß die Medien mit den späteren SportRing-Produktionen dort zu haben sind. Dennoch, wir strebten Eigenständigkeit an, die man auf den Nenner bringen kann: Professionalisierung, jedoch privater Charakter des Kreises. Wir gründeten auf einem Treffen bei Stuttgart "The Amazons Club" (TAC). Es wäre nicht zur Gründung gekommen, wenn nicht einer von uns die Initiative ergriffen hätte. Es war Kay, der schon deshalb seit Jahren aktiv war, weil seine Freundin und spätere Ehefrau selbst die Ringkampf-Herausforderung suchte. Eine Genossenschaft waren wir deshalb, weil jeder von uns, wenn auch formlos, investierte. Unser Bestreben war es, Gewinne durch den Filmverkauf komplett wieder in Veranstaltungen zu investieren, denn jeder von uns bestritt seinen Lebensunterhalt auf andere Weise. Diese Veranstaltungen hatten, wie uns immer wieder bestätigt worden ist, Charme. So hätte es, trotz anonymen Denunziationen, die sich aber als Schuß in den Ofen erwiesen, weitergehen können, wenn nicht Kay von einer tückischen Krankheit ereilt worden wäre, der er im März 2007 erlag. Nach Überwindung des Schocks berieten wir über die Zukunft des TAC. Keiner von uns war bereit, Kays Arbeit zu übernehmen, war er doch Planer, Organisator, Moderator, Kameramann, Produzent gewesen und hatte zusammen mit seiner Frau auch den Vertrieb besorgt. Schweren Herzens entschlossen wir uns, die Aktivität des TAC einzustellen, schon um nicht weiterhin steuerlichen Verpflichtungen unterworfen zu sein.
Eine formelle Auflösung des TAC hat nicht stattgefunden. Allerdings können wir aus steuerlichen Gründen unser Material nicht mehr kommerziell nutzen. Anfragen sind daher zwecklos. Sollte jedoch ein Interessent, wenn nicht gar ein Mäzen die Szene betreten, wären wohl die meisten von uns ehemals acht - wenn auch bei bescheidenerem finanziellen Engagement - bereit, uns in einem neuen TAC-Stadium zu engagieren.
Das ist die Situation. Vorläufig bleibt der TAC eine Erinnerung, eine, die wir nicht missen möchten.
W. S.